Silke Schippmann mit Wolf

Von den Wölfen lernen

Silke Schippmann füttert Polarwolf
Fotos: Tanja Askani

Gestern bin ich Dank einer Initiative von Sandra Schink in den Genuss einer Wolfsbegegnung gekommen.

Anders gesagt: Wir haben an einer Führung ins Wolfsgehege teilgenommen, im Wildpark Lüneburger Heide. Tanja Askani, die „Wolfsmutter“, welche alle dort lebenden Grau- und Polarwölfe mit Hand aufgezogen hat, lud uns in ihre Welt ein und machte uns mit Naaja, Nanuk, Noran und weiteren Gefährten bekannt. Nach einer öffentlichen Vorführung mit vielen Informationen zu den Tieren zogen wir uns in einen abgetrennten Bereich zurück, wo nach einiger Zeit des Briefings die Polarwölfe dazu geholt wurden. Als alles gut klappte und die Wolfsfrau feststellen konnte, dass ihre Tiere uns akzeptieren, durften wir uns das Wolfsgehege, wo wir dann auch die Fotos gemacht haben.

Vorweg: Es war eine einzigartige Begegnung, aus der ich einiges mitgenommen habe. Warum erzähle ich das hier?

Weil es mit dem Thema Kommunikation zu tun hat. Wir können so viel lernen von Wölfen. Sie lesen einen ganz genau. Und es ist anders, als man denkt.

Man liefert sich gewissermaßen einer solchen Situation aus, vertraut darauf, dass die Wolfsfrau genau weiß, was passiert und alles unter Kontrolle hat. Man selber schaltet sich zurück auf ein sehr reaktives Sein. Man darf einfach beobachten, sehen, hören, riechen, schmecken – man verfolgt die Wölfe mit Blicken, wundert sich bei deren Kontaktaufnahme darüber, dass sie überhaupt nicht riechen. Man weiß, wie man sich verhalten muss (das wird einem vorher gründlich erklärt) und gibt die Verantwortung an die Wölfe ab. Wir sind in ihrem Revier, wir sind Gäste, wir sind interessante Schnupperobjekte.

Silke Schippmann mit Wolf klein
Fotos: Tanja Askani

Sie wollen uns zunächst einmal kennen lernen. Und wir, alles gestandene Kommunikationsakteure, mussten einfach mal still sein. Nicht im Sinne von Reden, wir haben versucht, uns zu integrieren, unauffällig ein zeitweise geduldeter Teil der Wolfsgruppe zu werden.

Sich darauf einlassen. Beobachten. Die Signale der Tiere lesen.

Nur aktiv werden, wo es eingefordert wird: Der Wolf zeigt einem, dass man ihn gerade anfassen oder streicheln darf. Ich habe mich innerhalb weniger Minuten extrem runtergefahren, ich, das wuselige Energiebündel.

Atmen. Beobachten. Verstehen, dass die Tier uns lesen.

Sie erkennen die feinsten Regungen, reagieren deutlich darauf. Die ängstlicheren Teilnehmer wurden weitgehend ignoriert, die meisten von uns mit relativem Interesse bedacht. Kleine Leckereien erhalten die junge „Freundschaft“. Einem aus unserer Gruppe gelang ein sehr intensiver körperlicher Kontakt, der von dem Wolf eingefordert wurde.

Es gibt so viele Vorurteile und Missverständnisse, wenn es um diese Tiere geht. Es gibt nicht „das Alphatier“, welches andere dominiert. Jedes Tier hat seine eigene Aufgabe und trägt Verantwortung – und jedes Rudelmitglied ist wichtig. Man achtet aufeinander und behandelt sich – natürlich innerhalb einer Rangordnung – mit Respekt.

Das ist souverän. Nicht das häufig von uns Menschen fehlinterpretierte „Ich bin Chef, du nix“.

Wie sehr wünsche ich mir, dass wir Menschen uns mehr beobachten würden, mehr Sinne beanspruchen würden. Wer jetzt denkt, nunja, aber gerade in meinem Metier, in Social Media, da kommuniziert man doch nur via Worte, schriftlich, da gibt es ja keine Mimik, keine Gestik, keine Gerüche. Der täuscht sich.

Es gibt sie, diese feinen Signale und nur Meister der Kommunikation erkennen sie zuverlässig. Die meisten Menschen fühlen da nur etwas, es ist dieses Gefühl von „werde ich ernst genommen“, „hört mir der andere zu?“ und „ist der andere echt?“ Die Signale schwingen mit und egal wie sehr wir uns verstellen: Viele Menschen spüren, ob man echt ist oder nicht.

Wurden wir einmal akzeptiert, durften wir die Polarwölfe füttern, mehr noch, wir durften sie aus dem Mund füttern. Das war unfassbar schön und ein wichtiges Erlebnis, für jeden von uns. Wenn du mit solchen Wildtieren zusammen bist, bist du augenblicklich im Hier und Jetzt.

Was ich mitgenommen habe? Ich denke, ich werden noch eine ganze Weile diese gestärkten Antennen mit mir tragen, diese besondere Form der Wahrnehmung.

Und nicht nur Manager können von solchen Fähigkeiten profitieren, auch Eltern sollten sich einmal mit dem Leben im Wolfsrudel beschäftigen. Ausdrücklich empfehlen möchte ich diesen Beitrag auf der Seite Spass-mit-Hund.de: Elternschaft statt Alphatier: Die Sache mit dem Wolfsrudel.

Wer mehr über Tanja und ihre bewundernswerte 24/7 Arbeit mit den Wölfen und anderen Tieren erleben will, kann sich dieses Buch besorgen: Wolfspuren. Die Frau, die mit den Wölfen lebt.

 

  • MiuSuCo

    Liebe Silke,
    ich war ja auch mit dabei und kann daher keine objektive betrachtung abgeben – dennoch habe ich auch für mich in dieser Zeit (wieder) erfahren, dass es möglich ist, einfach alles andere außern vor zu lassen und sich 100 Prozent auf die Situation einzulassen. Es so zu nehmen, wie es ist.
    Übertragen auf andere Sitzuationen ist das ein wunderbarer Ansatz, danke für Deine Innensicht auch dazu.

  • Vielen Dank für den schönen Artikel. Da ich das große Glück hatte dabei zu sein, habe ich ähnliche Beobachtungen gemacht. Auch ich fand es erstaunlich, wie ruhig ich wurde und welch gelassenes Gefühl sich breit machte. Man war ein Teil der Gruppe und es fühlte sich alles richtig an.

    • Danke dir!

      Ja, oder? Ich zehre heute noch davon. Wahnsinn, hätte ich vorher nicht gedacht. Schön zu hören, dass es dir auch so geht!

  • Pingback: Silke lernt von Wölfen? « Frank Stratmann()

  • Holger Herbst

    Herzlichen Dank für diesen spannenden Einblick!

    Ich war nicht dabei, durfte Wölfe allerdings schon hautnah erleben und spüren. Doch eher, da ich dieses tiefe Vertrauen zu Wölfen & Hunden in mir trage und bisher niemals von einem Wolf oder Hund angegriffen wurde, obwohl ich in dessen Revier eingedrungen bin…

    Wir sind halt wenig sensitiv, oftmals viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt und haben Schwierigkeiten uns einzulassen und uns ein Stückweit dem Leben anzuvertrauen.

    Hier in der Türkei erlebe ich oft, wie große Hunde aggressiv bellen und ihr Revier behaupten. Was die Hunde (schaut mal aus den Augen von Wolf & Hund) da wirklich tun, verstehen unsensible Menschen einfach nicht. Ich gehe immer indirekt auf die Hunde zu, lasse sie kommen und baue in wenigen Sekunden vertrauen auf. Dann gibt es nur noch eins: Let’s Love Rule 🙂

    In diesem Sinne allen viel Vertrauen und Liebe im Herzen.

    • Freut mich sehr und vielen Dank für das schöne Feedback! 🙂

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