Die Welt ist ein Dorf. Durch Social Media – nett, oder?

Früher lebten wir in dörflichen Gemeinschaften, mit sozialer Kontrolle, mit Konventionen und Regeln. Wir mussten schmerzhaft lernen, wie man sich zu benehmen hat in der Gemeinschaft und wer sich nicht anpassen wollte, wurde als schwarzes Schaf abgestempelt oder einer Randgruppe zugeordnet.

Wir Kinder der Golf Generation konnten uns einige Jahren lang befreien von vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Unsere Freunde waren die neue Familie, man hielt den Kontakt auch, wenn man mal weit auseinander lebte, was in Zeiten von Brief, Fax und Pager nicht immer einfach war. Wir lebten lustvoll in den Tag hinein. Oh ja, wir genossen die Narrenfreiheit in den Jahren zwischen „Dorf“ und „Social Media„.

Heute, wo online und offline immer mehr verschwimmen, sind virtuell gepflegte Freundschaften bereits ein wichtiger Teil unserer Realität. Schatten aus der Vergangenheit, in Form von Klassenkameraden, Ex-Freunden (sehr schön von Frolleinsocial Julia Neumann beschrieben) und Familienmitgliedern tauchen nun vermehrt auf in unserer schönen neuen Social Media Welt (oder aber sie verschwinden nach einem Bruch nicht von alleine, schon gar nicht aus den Kontaktlisten der anderen Freunde).

Auch „[…]Digitaler Hass ist anders. Der Hassende muss dem Gehassten nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen. Das führt zu entfesselten Kommentaren und Tränen vor dem Monitor. Wir brauchen eine digitale Herzensbildung.fordert Sascha Lobo 

Wir müssen uns entscheiden, wie wir mit dieser Form der Sichtbarkeit und Transparenz umgehen wollen. Und uns daran gewöhnen, dass die Spielregeln der Offlinewelt umso mehr gelten für die Onlinekommunikation. Sie ist öffentlicher und bleibender, als wir es sich die meisten Menschen bewusst sind.

Mehr noch:

Die gesellschaftlichen Umwälzungen stellen uns vor völlig neue Rechtsfragen. Das weitere aufklaffen der Wissens-Kluft wird zu einem immer größeren Problem, wie auch die @punktefrau Christine Heller schreibt. Freunde werden zu Werbeboten. Zwischen all dem sozialen Gekuschel und Gegruschel sind wir wieder dort gelandet sind – wo wir schon einmal waren:

Die Welt ist ein Dorf. Durch Social Media.

Das hat Vor- und Nachteile und in jedem Fall bedeutsame Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Der Autor und Magier Hadmar von Wieser analysiert diese Entwicklung sehr treffend:

„Durch die Urbanisierung haben wir einige Generationen lang in der unnatürlichen Anonymität der Großstadt gelebt, ohne Feedback und Kontrolle. Jetzt hat die moderne Kommunikation und Datenspeicherung wieder den Zustand hergestellt, in dem Menschen in Dörfern und Stämmen seit Jahrtausenden leben: Wenn du Scheiße baust, kannst du nicht in der dunklen Nacht der Anonymität verschwinden.

Am Dorf fürchtet sich jeder vor dem Shitstorm, der dem Scheißkerl folgt. Und umgekehrt spricht sich auch bleibend herum, wenn du zuverlässig, treu, hilfsbereit oder mutig bist. Es ist allgemein bekannt, dass Anständigkeit, Loyalität und Hilfsbereitschaft in kleinen Gemeinschaften viel höher sind als in gesichtslosen Massen.

Das Internet hebt die Qualität unserer Interaktion wieder auf diese Ebene: Amazon und Ebay sagen dir, wer anständige Geschäfte macht, Wikipedia funktioniert wie die Freiwillige Feuerwehr am Land, Facebook und Twitter übernehmen die stabilisierende Wirkung von Klatsch am Dorfbrunnen.

Orwell hat sich getäuscht. Wir werden nicht von „denen da oben“ überwacht. Wir prügeln uns darum, uns im Internet selbst zu präsentieren, ein Image aufzubauen und Andere zu kontrollieren und zensieren, damit sie sich so benehmen, wie wir es alle für sinnvoll halten.“

Wie seht ihr das, lebt ihr schon in dem virtuellen Dorf oder trennt ihr noch on- und offline?