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Burnout durch Always On?

IMG_2687Auf dem fbcamp in der letzten Woche habe ich relativ spontan die Session „Gesundheit für Webworker“ angeboten. Dabei kristallisierte sich schnell heraus, dass wir viele Themen nur anreißen können. Eines aber war uns zu wichtig, um es ganz unter den Tisch fallen zu lassen:

Burn Out – Gesundheit für Webworker

Wir haben also kurzerhand eine zweite Session für den 2. Barcamptag angesetzt. In dieser sehr bewegenden Session konnten wir sehr ehrlich und offen miteinander reden. Danke dafür! Jeder kam zu Wort und die meisten geschilderte Situationen konnten von den anderen Teilnehmern gut nachempfunden werden.

Ich möchte im folgenden kurz anreißen, worüber wir gesprochen haben und ich möchte gleichsam einladen zu einer weiteren Diskussion und Folgeterminen. Denn, so lustig die kategorische Barcamp-„Selbsthilfegruppe für Community Manager“ sonst ist – nicht immer ist einem da zum lachen zumute und mit manchen ernsten Themen bleibt man alleine.

Diesen wollen wir auf den Grund gehen. Bitte ergänzt, was ich vergesse oder kommentiert, was noch fehlt.

Das ständige online- und erreichbar sein führt bei manchen zu dem, was gemeinhin als „Burn Out„bezeichnet wird. Bist du gefährdet? Hier gibt es einen Test dazu.

Vielen wird das eigene Ausgebranntsein erst bewusst, wenn sie komplett zusammenbrechen. Der zunehmende Stress,  depressive Verstimmungen, chronische Erschöpfung oder Müdigkeit werden oft nicht ernst genommen. Oder sie finden Ausdruck in anderen Erkrankungen. Denn wenn man den Stress nicht wahrnehmen will oder ihn sogar verdrängt, manifestiert er sich im Körper (Buchtipp: Rüdiger Dahlke, Krankheiten als Sprache der Seele).

Er sucht sich seine Symptome, die uns mal eine Weile ausbremsen sollen.  „Am größten ist das Gesundheitsrisiko demnach für die etwa acht Prozent der ständig erreichbaren Mitarbeiter: Jeder Vierte von ihnen leidet unter einer Depression.“ schreibt BILD online. gerade heute.

Viele „Onliner“, also Social Media Tätige im weiteren Sinne, arbeiten an 7 Tagen in der Woche, sind 24 Stunden am Tag erreichbar. Es fällt ihnen schwer, den Laptop abzuschalten und das Smartphone wegzulegen.

Bei vielen ist es auch zu so etwas wie eine Ersatzbefriedigung geworden, denn in dieser schönen Scheinwelt kriegt man oftmals etwas, an dem es einem im „echten“ Leben mangelt: Aufmerksamkeit und Nähe. Das kann ein Gewinn sein, aber es kann auch dazu führen, das man weiter vereinsamt. Denn was der Mensch unbedingt braucht, ist Bewegung, Berührung und wahre Nähe.

Die Erwartungen von Kollegen, Familie, Freunde überfordert und leicht. „Man muss sich ja auch mal Zeit nehmen für die Freunde.“ sagte eine Teilnehmerin – aber die Frage, was wir wirklich wollen, was uns gut tut – und für wen wir was machen, stellen wir uns selten. Leicht gerät man in einen Strudel von wahrer Pflichterfüllung, bis wir uns selber leer und einsam fühlen.

Bei Facebook treffen sich auf einmal alle: Man muss jonglieren zwischen Kollegen, Familie, alten Schulfreunden, Ex-Partnern – und alle wollen sie etwas von einem. Und vielleicht interessieren sie uns gar nicht so sehr, wie sie sich für uns? Erlauben wir uns diese Frage und welche Konsequenzen ziehen wir daraus?

Dann gibt es häufig auch einen hohen Druck durch den Arbeitgeber:

Die Arbeit von viele Webworkern ist für jedermann sichtbar, und wird ebenso schnell be- und verurteilt. Wir haben Kündigungsfristen von häufig nur 4 Wochen und versuchen, immer das Beste zu geben. Wir sitzen in Großraumbüros, treffen in den Pausen Kollegen, um zu netzwerken. Abends trifft man sich mit Kunden oder  mit anderen Onlinern. Und, wer kennt es nicht, die Branchenkollegen können einen ja auch gut verstehen. Wir sind always on.

Die eigene Familie weiß schon lange nicht mehr, was „das Kind“ da beruflich tut und wundert sich, warum man Freitagnachmittag um 15 Uhr erst aus der Mittagspause kommt, statt schon auf dem heimischen Sofa zu sitzen.

Zurück zum Webworker Arbeitsplatz:

Das Telefon klingelt, der Kollege tippt einen auf die Schulter, der Skype Chat poppt auf und das Handy surrt. Ah, eine neue Mail, die beantworte ich kurz! Denkste, denn gerade kommt der Kurier rein, den man nebenbei schnell abfertigen kann. Pling, eine neue Nachricht auf Facebook und mein Gesprächspartner am Telefon bittet um eine Korrektur des Textes bis heute Abend.

Ihr kennt das????

Ein Teilnehmer sagte, sein Herz rast, wenn er mich so reden hört. Aber ist es nicht so ungefähr das, was wir uns an jedem Arbeitstag antun – und das häufig ohne Not?

Die Fragen, die wir diskutiert haben:

► Wie kann ich den täglichen Stress reduzieren?
► Wie kann ich mir Freiräume schaffen, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren?
► Wie schaffe ich es, meine Arbeit zu priorisieren in einer so schnelllebigen Umgebung?
► Wie schaffe ich es, bei mir zu bleiben?

Eine Teilnehmerin schilderte, das sie von einem Bore Out (einer Unterforderung im Beruf) nach einem Jobwechsel direkt in das Gegenteil geraten ist. Auch das Bore Out kann sehr belastend sein, betraf die Teilnehmer aber vermutlich weniger. 😉

Einem Teilnehmer war es wichtig, dass wir einmal über das Thema Neid und der ständigen Ablenkung sprechen. Da stellt sich schon die Frage: Sind wir eigentlich noch ganz echt?

Wie kann man es schaffen, seine eigenen Ziele kennenzulernen und zu verfolgen, wenn man die ganze Zeit zugedröhnt wird mit den Erfolgserlebnissen seiner Facebook-Kontakte?

Wie gehen wir um mit Neid, wie schützen wir uns vor Häme und unseren eigenen, überzogenen Erwartungen? Diese ganzen Verlockungen, dieses ganze schneller-höher-weiter – wohin führt das alles? Wie verhindern wir, dass uns das Gejammere und Gejubele unsere Facebookfreunde runterzieht oder uns traurig macht?

Wie integrieren wir diese schöne neue Multimediawelt in unser Leben – und wollen und müssen wir das überhaupt? Wie können wir das meiste rausziehen und uns gleichsam schützen? Wie schützen wir uns vor unserer eigenen Sucht? Wir suchen nach Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung. Wir suchen nach Arbeit, und unser Arbeitstag endet nie.

Was kann ich tun, um meine eigene Arbeitssucht unter Kontrolle zu bringen – denn das Internet schläft ja nie!

Was tun?

► Mach‘ mal Pause. Lerne dich abzugrenzen. Schütze dich, denn du bist die einzige Person, die das kann.

► Frage dich, was dir gut tut und was nicht. Ändere sofort, was dir schadet. Suche die Energievampire in deiner Umgebung, Achtung – die sind manchmal süß und nett. Wer hetzt dich und warum (lässt du dich hetzen)?

► Schläfst du gut, wie ernährst du dich, wie ist dein Arbeitsplatz ausgestattet – was kannst du optimieren – und zwar mit und ohne die Hilfe deines Arbeitgebers!

Überprüfe deine eigenen Erwartungen an dich und andere (wenn du sie aussprichst, kommen dir manche Sachen schon komisch vor – probier‘ das mal aus! ;-))

Darüber hinaus: Reduziere den „Noise„:

► Stell‘ nervige E-Mail-Benachrichtigungen und Newsletter sofort ab.

► Ständig eintrudelnde Mails lenken ab. So kannst du sie nur zu von dir präferierten Zeiten abrufen.

► Nimm‘ dir bewusst Zeit für Offlineaktivitäten – aber solche, die dir Spaß machen und Erholung bringen!

► Lerne konsequent abzuschalten und sei nicht traurig, wenn du eine Weile brauchst, um dich umzustellen: Schalte dein Handy stundenweise ab, lege den Laptop in ein anderes Zimmer.

Du darfst Kontakte löschen. Aber es gibt elegantere Wege zur Noise-Reduzierung:

► Befasse dich mit Facebook-Listen / Privatsphäreeinstellungen: Du musst nicht alles von anderen lesen und andere nicht von dir!

► Man kann 1000 Kontakte haben (und von vielen von uns wird das erwartet) – aber du kannst nicht jedem deine volle Aufmerksamkeit schenken! Warum solltest du das auch??!

► Selektiere für dich, welche Kontakte aus welchem Grunde gut für dich sind und stelle die Sichtbarkeiten entsprechend ein (alle unwichtigen zum Beispiel bei Facebook auf  „nur wichtige Meldungen anzeigen“). Die anderen werden es nicht bemerken!

Das ist so unendlich viel? Egal. Fang einfach an.

team carpediemcampAm Anfang dauert es eine Weile, aber nach kurzer Zeit wird es dir leicht von der Hand gehen.

Mach‘ deinen virtuellen Frühjahrsputz! Jeder Klick wird deinen Stress reduzieren und deine Lebensqualität erhöhen. Geh‘ raus, wenn du es nicht anders schaffst, hole dir einen Hund (meiner sitzt seit 10 Minuten quengelnd neben mir und erinnert mich daran, dass ich mal Pause machen muss. Er will raus und ich sollte das auch. Die Frühlingssonne wird mir gut tun).

In diesem Sinne – ich freue mich auf den weiteren Austausch und hoffe, viele von euch auf dem carpediemcamp zu treffen.

Dort werden wir Themen wie Work-Life-Balance, Produktivität und Lebenslust weiter vertiefen können.

PS: Jan Theofel vom lifeworkcamp hat kürzlich diese ZDF Doku zum Thema: Wie gesund ist always on? verlinkt. Empfehlenswert!

 

  • Eine sehr vernünftige Sichtweise und eine, welche aus meiner Sicht zunehmend wichtiger wird. Als Onlineshop-Betreiberin von wohlgeraten.de kenne ich dieses Gefühl von ständig on. Zum Glück besitze ich die natürliche Gabe gut abschalten zu können.
    Es gelingt mir auch deshalb leicht, weil ich ein Lebensgefühl nach außen tragen möchte, welches schlecht damit koresspondiert ununterbrochen online zu sein.
    Unterwegs braucht man nicht pausenlos Internet und in den Bergen zum Beispiel gibt es wunderbare Orte, an denen man abschalten kann. Aus meiner Sicht wäre ich sogar unglaubwürdig, wenn ich ununterbrochen mit dem Internet verbunden wäre. Wo blieben dann diese wichtigen Momente der Ruhe und Entspannung, für die ich werben möchte mit meinen Produkten?
    Regelmäßig gönne ich mir den Luxus nicht erreichbar zu sein. Mein Glück ist, dass ich diese Zeit zum Beispiel für Fotos nutzen kann. Ich muss also noch nicht einmal 100% faulenzen, um abzuschalten.
    Es ist jedem nur zu wünschen, dass dieser Spagat gelingt. Es lohnt sich!
    Und ist es immer wieder sinnvoll mit der Nase noch einmal drauf gestossen zu werden. Danke dafür! Ein lesenswerter Artikel!

    • Vielen Dank! Ich möchte euch auch eine private Zuschrift einer lieben Freundin nicht vorenthalten, hier ist sie:

      „… vielleicht sollte man sich mal überlegen, wer wem „zu Diensten“ sein sollte. Ist es wirklich schon so weit, dass der Mensch der Sklave der Maschine ist – oder ist nicht vielmehr die Maschine da, um den Menschen zu entlasten? Wenn wir Nähe und Anerkennung erwarten, sollten wir menschlich bleiben und reale Kontakte pflegen. Nähe und Anerkennung basieren auf Gefühlen von zwei Seiten – und in der Beziehung Mensch-Maschine ist mindestens ein Partner aufgrund seiner Beschaffenheit nicht in der Lage, Gefühle zu entwickeln 😉

      In Zeiten, in denen es die Möglichkeit gibt, mehrere Telefonnummern auf seinem Anschluss zu nutzen, empfiehlt es sich, eine auf jeden Fall für privat zu wählen. Da j e d e r Mensch seinen Feierabend braucht, kann man getrost sein Dienst-Phone nach Feierabend ausstellen und ist ab dann nur noch telefonisch für die erreichbar, die es einem Wert sind, den Feierabend zu opfern.
      Wer nun nicht das Zwei-Nummern-Prinzip benutzen möchte, der kann sich zumindest über die Möglichkeit „verschiedene Klingeltöne“ gewisse Freiräume schaffen. Allerdings kostet das ein wenig Vorbereitungszeit. Einfach mal Gedanken darüber machen, wer und was einem wichtig ist.

      Halt einfach Prioritäten setzen.

      Viele Kommunikations-Junkies vergessen oft vor lauter toller zubuchbarer Apps, daß ihre „maschinellen Freunde“ mit technischen Finessen ausgestattet sind: eine Voicebox gibt, die Anrufe für einen entgegennimmt, hat man seinen Freiraum „Mittagspause“ „Kaffeepause“ oder „Feierabend“ bereits angetreten. Und auch schriftliche Nachrichten – E-Mail, SMS, MMS und was sonst noch, warten brav im Postfach auf Abarbeitung. Und bei Computern gibt es noch eine tolle Einrichtung: Den Spam-Filter.

      Allerdings sollte man sich als Angerufener oder Angeschriebener dann schon die Mühe machen, sich zeitnah zurückzumelden… (Jedenfalls bei denen, die bis nach dem Piep der Voicebox ausgehalten haben und ihr Anliegen schildern – wer einfach wieder auflegt kann nichts wichtiges auf dem Herzen gehabt haben und wird sich bei Bedarf sicher wieder melden 😉 )
      Und wenn man sich dann kurz einmalig (!) Zeit nimmt und „Arbeitszeiten“ und „Freizeiten“ schafft, dann kann man sich täglich eine Stelle im Tagesablauf einplanen, an denen die in den Mail- und Info-Boxen hängengebliebenen „Fälle“ kurz und bündig beackert werden… Immer schön der Prioritätenliste folgend:

      Und noch ein kleiner Tipp: Solche Sachen immer von einem Ort aus erledigen, der entweder eine Haustürklingel hat oder ein ähnliches Artefakt dabeihaben…. Denn mit einem solchen, hübschen Gegenstand kann man ganz fix telefonisch die Kurve kriegen, wenn man dieser „Langschnacker“, die weder zuhört noch akzeptiert können, daß man sich nur „kurz“ zurückmelden möchte.“

      Danke, Ulli!

      • Ein Tipp erreichte mich via Twitter. @i_am_fabs schreibt:

        „Was mir im nachhinein noch eingefallen ist. Ich habe vor 2 Jahren 40 Tage (privat) FB gefastet. Sollte jeder mal ausprobieren.“

        Danke dafür!

    • Vielen Dank für dein Feedback, liebe Charis!

      Sehen wir uns auf dem carpediemcamp am 1.-2.6.2013 in Hamburg? Das wäre bestimmt was für dich, oder?

      Ansonsten auf der re:publica?

      Herzliche Grüße
      Silke

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